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Biokratie

Biokratie (engl. biocracy; gr. bios, Leben + kratein, (vor)herrschen) ist eine hypothetische Regierungsform, in der alles Leben eine mitbestimmende Funktion einnimmt. Mit anderen Worten beschreibt der Begriff ein Konzept, das Fauna und Flora eine Teilhabe an der Staatsführung zuschreibt und die Natur als eine den physischen Weltraum regulierende Kraft auszeichnet. Somit ist die Biokratie als Staatsform als eine Erweiterung der Demokratie zu sehen, in welcher allein das Volk eine wesentliche Partizipation an der Herrschaft hat. Drei Hauptaspekte der Biokratie sind die Umweltwissenschaften, die (Umwelt)ethik und das Umweltrecht (sowie Tierrecht). Als Biokraten können fernerhin allgemein Anhänger der Biokratie verstanden werden.

Das erste Auftreten des Ausdrucks Biokratie ist nicht bekannt und im deutschen Sprachraum ist er noch wenig verbreitet. Dennoch kann er auf den deutschen Umweltökonom Georg Winter (Biokratie) zurückgeführt werden, den Initiator und Stifter des Biokratie-Preises. Georg Winter hat 1993 auf der International Conference on Eco-Management in Tokyo den Biokratie-Begriff erstmals vorgestellt und zu einer internationalen Diskussion angeregt.

Tokyo Konferenz (1993) – Programm

Tokyo Konferenz (1993) – Vortrag Georg Winter

Teilgebiete

Es gibt eine Vielzahl an verwandten und relevanten natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen und Begriffen, die zu einem erweiterten Verständnis des Biokratie-Begriffs führen können. Die folgende Aufzählung ist dabei nicht als vollständig zu betrachten:

Hintergrund und Problematik

Vor dem Hintergrund einer weltweiten Ressourcenverknappung, zunehmender Umweltbelastungen sowie Artensterben, insbesondere zurückzuführen auf das unverantwortliche Handeln von wirtschaftlichen Akteuren und einen verschwenderischen Lebensstil der Industriestaaten, hat sich in den vergangenen Jahren in Gesellschaft und Politik ein erhöhtes Bewusstsein für nachhaltige Praktiken und Denkweisen entwickelt, um der Ausbeutung der Erde entgegenzuwirken, zum Wohle nachfolgender Generationen. Allerdings konnte bislang nur vereinzelt eine Besserung erzielt werden und Bemühungen um Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiges Wirtschaften werden nur schleppend umgesetzt. Dies hängt mit einem weitgehenden Wirtschaftsliberalismus zusammen, welcher immer noch den ökonomischen Aspekt vor soziale und ökologische Belange platziert, zudem mit mangelnder Transparenz sowie einer nur vagen bis fehlenden Formulierung von Gesetzen, die (unternehmerische) Nachhaltigkeit behandeln. (Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene handelt es sich dabei größtenteils lediglich um sog. Soft Laws).

Merkmale der Biokratie

Ziel und zugleich Essenz der Biokratie ist Nachhaltigkeit. Dabei sieht das Konzept die zumindest gleichrangige Anordnung und Beziehung zwischen den Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie vor, keinesfalls aber die Erstrangigkeit des ökonomischen Aspekts. Von konventionellen Staatsformen unterscheidet sich die Biokratie außerdem durch die bewusste Wiedervereinigung von Natur und menschlicher Zivilisation. Denn es wird hier von einer sich bis heute entwickelten Entfremdung der Zivilisation des Menschen von seiner natürlichen Lebensgrundlage ausgegangen, welche derzeit nur zwei Handlungspfade zulässt. Der eine führt zur Selbstauslöschung der Menschheit, zumindest ihres größten Teiles, und zur Wiederherstellung eines natürlichen Gleichgewichts ohne Beteiligung des Menschen. Der andere Weg beschreibt den einer nachhaltigen Wiedereingliederung der Zivilisation des Menschen in die Natur. Konkreter wird mit Letzterem eine Ausdehnung der Demokratie verstanden. Das heißt, das Ziel der Nachhaltigkeit erfordert die Beteiligung aller lebenden Arten in ihrer Gesamtheit an der Willensbildung des Staates. Dies ist die einzige Möglichkeit, das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen bzw. zu erhalten und die letzte Chance der menschlichen Zivilisation, langfristig zu überleben.

Erste Schritte zur Biokratie

Das Leitbild der Biokratie entsteht aus einer vereinten Natur, deren Staatsgebiet die Biosphäre ist, ihr Staatsvolk alle lebenden Arten und ihre Staatsgewalt die Evolution. Eine Erweiterung zur Biokratie bedeutet, das Überleben zu sichern, indem man mit Hilfe des Verfassungsrechts und der gesamten Rechtsordnung einer Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen und der lebensnotwendigen biologischen Kreisläufe entgegenwirkt. So müssen etwa das Verfassungsrecht, das Verwaltungsrecht und weitere Rechtsgebiete mit einem bestimmten Instrumentarium (z.B. Umweltschutz als Staatsaufgabe, Vetorecht des Umweltministers bei Regierungsentscheidungen) die Beteiligung aller lebenden Arten an der Willensbildung im Staat sicherstellen. Dadurch wird allen Lebewesen in ihrer Gesamtheit ein Anspruch dem Menschen gegenüber eingeräumt auf Durchsetzung ihres Überlebensinteresses, welcher vom Menschen vertretungsweise wahrgenommen werden muss.

→ Georg Winter (2003): Die Erweiterung der Demokratie zur Biokratie (zum Download)

Kritik

Contra-Argumentation

  • Das Gerede von der Bedrohung der Menschheit durch Umweltzerstörung ist nur eine Modeerscheinung.
  • Überfüllung der Gesetze und Verfassung: eine Miteinbeziehung eines jeden Lebewesens ist unrealistisch und nicht notwendig, da gegenwärtige Regelungen bereits umweltschädliches Verhalten verbieten.
  • Negative Auswirkungen auf die Wirtschaft: Selbstruinierung durch Kostensteigerung, Schmälerung des Unternehmensgewinns, unzumutbare Organisationsumstrukturierungen (Informationsflut, administrativer Aufwand, öffentliche Unternehmensschelte) etc.
  • Heraufbeschwörung sozialer Konflikte (Konflikt Ökonomie – Ökologie)

Pro-Argumentation

  • Das Umweltproblem ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit mit eines der bedeutendsten Themen und wird an den zunehmend erkennbaren Umweltschäden gemessen.
  • Alle Lebewesen können in ihrer Gesamtheit vom Menschen vertreten und in alle menschlichen Vorhaben miteinbezogen werden, sodass durch die explizite Berücksichtigung der betroffenen Lebewesen automatisch ihrem Anspruch auf (Über)leben Rechnung getragen wird.
  • Positive Auswirkungen auf die Wirtschaft: langfristige Kostensenkung durch ganzheitliche Planung (umgekehrt kann ohne umweltorientiertes Management langfristig keine Gewinne erzielt werden), Wettbewerbsvorteile, Reputationseffekt, Wiedererlangung der Arbeitsfreude und des Arbeitssinns für Mitarbeiter und Unternehmensführung etc.
  • Solidarisierung der Bevölkerung unter gemeinschaftlichem Opfer mit gemeinschaftlichem Ziel: Überleben.

Bibliographie

Grundlage

Winter, Georg: Grundlagentext „RECHTE DER NATUR / BIOKRATIE“, siehe hier.

Winter, Georg: Basic text „RIGHTS OF NATURE / BIOCRACY“, see here.

Seidel, Eberhard & Seifert, Eberhard K. (2012): „Biokratie“ – Weiterentwicklung politischer Willensbildung. In: Seidel, Eberhard (Hrsg.): Georg Winter – Pionier der umweltbewussten Unternehmensführung, Festschrift zum 70. Geburtstag. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 491-497.

Deutsch

Dietrich, J.-H. (2011): Landesverteidigung in den Grenzen der Umweltpflichtigkeit. – Forum Umweltrecht, Band 60. Baden-Baden: Nomos Verlag.

Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (2008): Die Würde der Kreatur bei Pflanzen. Die moralische Berücksichtigung von Pflanzen um ihrer selbst willen, siehe hier

Forum Ware (Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Warenkunde und Technologie (DGWT) sowie Österreichische Gesellschaft für Warenwissenschaften und Technologie (ÖGWT) unter Mitwirkung der Internationalen Gesellschaft für Warenwissenschaft und Technologie (IGWT)): Die Ware und ihre Bedeutung für Mensch, Wirtschaft und Natur, Heft 1-4, 2012

Leimbacher, J. (1997): NHG und Rechte der Natur. In: Keller, P.M.; Zufferey, J. & Fahrländer, K. (Hrsg.): Kommentar NHG. Zürich: Schulthess Polygraphischer Verlag, S. 119-128.

Loft, L. (2009): Erhalt und Finanzierung biologischer Vielfalt – Synergien zwischen internationalem Biodiversitäts- und Klimaschutzrecht. – Natur und Recht, Band 12. Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag.

Meyer-Abich, K.M. (2012): Rechte der Natur zur kulturellen Wahrnehmung unserer natürlichen Mitwelt – Eine Kritik des Umweltrechts am Beispiel des Naturschutzes. In: Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 35(4), S. 376-398.

Picht, G. (1989): Der Begriff der Natur und seine Geschichte. Vorlesungen und Schriften. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

Schwerdtfeger, A. (2010): Der deutsche Verwaltungsrechtsschutz unter dem Einfluss der Aarhus-Konvention. Tübingen: Mohr Siebeck Verlag.

Seifert, E. K. (2012): Normungs- und biopolitische Implikationen des Winter-Modells. In: Seidel, E. (Hrsg.): Georg Winter – Pionier der umweltbewussten Unternehmensführung, Festschrift zum 70. Geburtstag. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 329-344.

Seifert, E. K. (1986): Zum Problem einer „Naturvergessenheit ökonomischer Theorien“. In: Pfriem, R. (Hrsg.): Ökologische Unternehmenspolitik. Frankfurt/Main: Campus Verlag, S. 15-51.

Siegel, T. (2004): Die Gesetzgebungskompetenz im Tierschutz. In: Natur und Recht 26(8), S. 513-515.

Snyder, E. E. (1972): Todeskandidat Erde. Programmierter Selbstmord durch unkontrollierten Fortschritt. München: Heyne Verlag.

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Winter, Gerd (2003): Umweltrechtliche Prinzipien des Gemeinschaftsrechts. In: Zeitschrift für Umweltrecht 14, S. 137-145.

Winter, Georg (1993): Das umweltbewusste Unternehmen. Ein Handbuch der Betriebsökologie mit 28 Check-Listen für die Praxis (5. Auflage). München: Beck Verlag.

Winter, Georg (2008): Die Erweiterung der Demokratie zur Biokratie – ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit, siehe hier.

Englisch

Caldwell, L.K. et al. (1989): Biocracy and Democracy: Science, Ethics, and the Law. In: Politics an the Life Sciences 3(2), S. 137-162.

Zengerling, C. (2013): Greening International Jurisprudence. Environmental NGOs Before International Courts, Tribunals, and Compliance Committees. Leiden/Bosten: Martinus Nijhoff Publishers.

 

Quellen

Caldwell, L. K. et al. (1989): Biocracy and Democracy: Science, Ethics, and the Law. In: Politics an the Life Sciences 3(2), S. 137-162.

Seidel, E. (Hrsg. 2011): Georg Winter – Pionier der umweltbewussten Unternehmungsführung, Festschrift zum 70. Geburtstag. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 491-497.

Winter, Georg (1993): Das umweltbewusste Unternehmen. Ein Handbuch der Betriebsökologie mit 28 Check-Listen für die Praxis (5. Auflage). München: Beck Verlag, S. 67-87.